Ich bin auf eine Grafik gestoßen, wie sie zu Tausenden durch die Netzwerke wandern. Mitgliederzahlen deutscher Parteien, ordentlich aufgereiht, und am Ende die triumphale Rechnung, 85 Prozent der Deutschen seien Demokraten. Ich will gleich vorausschicken: Mich treibt hier keine politische Mission. Ich gehöre keinem Lager an, das ich verteidigen, und keinem, das ich bekämpfen möchte. Was mich umtreibt, ist etwas anderes.
Es ist die Sorge, auf welches Niveau wir absinken. Wenn öffentliche Debatte nur noch aus geschönten Statistiken, aus „Brandmauern” und aus Etiketten wie „nicht demokratische Partei” besteht – ein Begriff, der juristisch übrigens nicht haltbar ist, solange das Bundesverfassungsgericht nicht entschieden hat –, dann verlieren wir genau das, worauf dieses Land gebaut ist. Denn an diesem Klima hängt mehr, als den Beteiligten bewusst ist. Es hängt der deutsche Mittelstand daran, jene Hunderttausende Betriebe, die das Rückgrat unseres Wohlstands sind. Und es hängen die Millionen Menschen daran, die von ihnen leben, die mit ihrer Arbeit dieses Gemeinwesen finanzieren. Wer das Land in Gut und Böse sortiert, ruiniert nicht die Gegenseite. Er ruiniert das Vertrauen, von dem wir alle leben.
Mir geht es deshalb nicht ums Angreifen. Mir geht es ums Zusammenreißen. Um Verantwortung. Was nun folgt, ist der Versuch, die Debatte dorthin zurückzuholen, wo sie hingehört.
Die einfache Wahrheit, die keine ist
Diese Grafik bleibt hängen, weil sie eine einfache Wahrheit zu verkünden scheint. Ganz am Ende, mit einem Fragezeichen versehen, die Andeutung, von 75.000 Mitgliedern einer Partei seien 36.000 „Russen”. Man möchte fast mitnicken. Und genau das ist das Problem.
Denn die Zahl der 36.000 ist frei erfunden. Deutsche Parteien erfassen weder Herkunft noch Migrationsgeschichte ihrer Mitglieder, und das Parteiengesetz schließt einen beherrschenden ausländischen Einfluss ohnehin aus. Auch die Rechnung dahinter trägt nicht: Alle im Bundestag vertretenen Parteien zusammen kommen auf rund 1,2 Millionen Mitglieder – etwa zwei Prozent der gut 60 Millionen Wahlberechtigten. Die übrigen 98 Prozent sind in keiner Partei. Über ihre demokratische Gesinnung sagt eine Mitgliederliste schlicht nichts aus. Wer das Land in „Demokraten” und den Rest sortiert, betreibt dasselbe Geschäft wie jene, die er fürchtet: das Sortieren von Menschen.
Mir geht es nicht um diese Partei. Mir geht es um etwas, das größer ist als sie und größer als die kleine Genugtuung, mit der falschen Statistik recht zu behalten.
Der Weckruf kommt von draußen
Manchmal braucht es einen Stoß von außen, damit man begreift, was man besitzt. Wir haben uns lange in einer Gewissheit eingerichtet, die wir für das Ende der Geschichte hielten – als sei Freiheit ein Naturzustand und nicht eine Errungenschaft, die verteidigt werden will. Die Wirklichkeit ist ernüchternder, und sie kommt heute aus mehreren Richtungen zugleich.
Da ist Putin, der ein souveränes Land überfällt, teilweise annektiert und damit jene Friedensordnung zerschlägt, auf die wir uns seit 1945 verlassen haben. Da ist China, das mit seinem Plan bis 2049 offen erklärt, die führende Weltmacht werden zu wollen – wirtschaftlich, technologisch, militärisch. One China. Man muss es ihm lassen: Diese Strategie ist transparent, sauber in Fünfjahrespläne verpackt. Während der Westen in Wahlperioden denkt, plant Peking in Jahrzehnten. Und da ist ein Naher Osten, dessen Konflikte uns mit Sorge erfüllen – aufgeladen, emotional, von tiefen religiösen Bruchlinien durchzogen, deren Wucht von außen schwer zu ermessen ist.
Und dann ist da Washington. Wo der Ton nicht nur rauer wird, sondern wo ein Präsident die Weltordnung, die Generationen mühsam errichtet haben, im Alleingang zertrümmert. Bündnisse werden zu Druckmitteln, Zusagen zu Verhandlungsmasse, Verlässlichkeit zur Schwäche erklärt. Das ist kein rauer Wind. Das ist Abriss. Und das Bittere daran ist, dass dieser Abriss von dem kommt, den wir jahrzehntelang für den Garanten dieser Ordnung hielten.
Und trotzdem – oder gerade deshalb – sage ich: Danke, Trump. Nicht für seine Politik; die ist gefährlich. Sondern für die brutale Lektion. Er nimmt uns die Illusion, dass jemand anderes für unsere Freiheit, unsere Sicherheit, unsere Werte einsteht. Er zwingt uns, erwachsen zu werden. Wertschätzung für das Eigene entsteht manchmal erst, wenn ein anderer es mit Füßen tritt.
Beruhigend ist, dass die Antwort auf diese Zumutung längst gegeben wird – nicht von uns, aber vor unseren Augen. Das ukrainische Volk verteidigt seine Freiheit mit einer Entschlossenheit, die uns beschämen sollte. Und Kanada – ausgerechnet gegenüber dem alten Verbündeten – lässt sich nicht bedrohen, nicht erpressen, nicht zum 51. Stern degradieren. Wer wissen will, was Werte wert sind, muss nur dorthin schauen. Freiheit ist verteidigungsfähig – wenn ein Volk bereit ist, für sie einzustehen.
Das Ernüchternde an diesem Moment ist, dass der äußere Druck so klar ist und die Antwort darauf so ausbleibt. Eigentlich müssten die Regierungsparteien in der Sache zusammenrücken – nicht weil sie sich mögen müssten, sondern weil die geopolitische Lage keine parteitaktischen Spielchen mehr verzeiht. Sicherheit, Verteidigungsfähigkeit, wirtschaftliche Resilienz, die Verlässlichkeit Europas: Das sind keine Themen für das Parteibuch. Das sind Themen für das Land. Doch was ich seit Jahren sehe, ist das Gegenteil. Nicht gewollt. Und zu oft auch nicht gekonnt.
Denn es ist ja nicht nur der Streit, der lähmt. Es ist die Frage nach der Eignung. Wenn Lebensläufe geschönt werden, um an verantwortungsvolle Ämter zu kommen. Wenn Menschen über Wirtschaft entscheiden, die einem Schüler nicht erklären könnten, was eine Insolvenz ist. Wenn man im Ausland auftritt – mit dem Sprachniveau der Mittelstufe, aber dem Habitus der Bevormundung, belehrend statt zuhörend. Dann ist das kein Detail. Dann ist das ein Symptom. Verantwortung verlangt Kompetenz und Demut, nicht Pose. Und genau daran fehlt es.
Der Fluch der Demokratie
Die alten Griechen, die die Demokratie erfanden, hatten eine Ahnung, die uns abhandengekommen ist. Viele ihrer Ämter vergaben sie nicht durch Wahl, sondern durch das Los. Wen es traf, der musste ran – nicht weil er nach Macht strebte, sondern weil das Gemeinwesen es verlangte. Dahinter steckte ein tiefes Misstrauen: Wer ein Amt zu sehr begehrt, ist vielleicht der Falsche, es zu führen.
Heute ist es umgekehrt. Wir haben ein Vielparteiensystem, das kaum noch wahre Profile hervorbringt, weil jeder schon im Wahlkampf auf die Koalition danach schielt. Niemand will sich festlegen, denn Festlegung kostet Bündnisfähigkeit. Was am Ende auf dem Papier steht, ist der kleinste gemeinsame Nenner – ein Kompromiss, den alle unterschreiben können, gerade weil er niemanden zu etwas verpflichtet.
Und dann beginnt das eigentliche Drama. Vier Jahre Energie fließen nicht in die Gestaltung des Landes, sondern in das Verteidigen und Nachverhandeln dieser Formeln. Es wird regiert, um den Kompromiss zu verwalten, nicht um etwas zu bewegen. Das Ergebnis für das Land und die Menschen ist, was es seit Jahren ist: diffus bis unzufrieden.
Das ist nicht der Fehler der Demokratie. Die Demokratie ist nicht dazu verdammt, Mittelmaß zu produzieren. Es ist die Art, wie wir sie betreiben – satt, vorsichtig, auf Wiederwahl bedacht –, die das Beste in ihr erstickt. Der Fluch liegt nicht im System. Er liegt in unserer Bequemlichkeit, es nur noch zu verwalten.
Verantwortung war nie eine Frage des Amtes
Die Generationen vor uns haben Deutschland zweimal aus Trümmern aufgebaut, materiell und moralisch. Sie haben das nicht getan, weil ihnen ein Ministerium die Aufgabe zuwies, sondern weil sie verstanden, dass ein Gemeinwesen nur trägt, wenn jeder seinen Teil übernimmt. Verantwortung war nie an ein Amt gebunden. Sie ist die stille Erwartung, die an jeden von uns gerichtet ist – an den Politiker und an die Unternehmerin, an den Angestellten und an den Menschen, der einfach nur Bürger dieses Landes ist.
Das wünsche ich mir zurück. Dass Politiker wieder gestalten statt verwalten, dass Unternehmen über die nächste Quartalszahl hinausdenken, dass jeder Einzelne sich fragt, was er beiträgt, statt was ihm zusteht. Demokratie ist kein Zuschauersport. Sie ist die anstrengendste Form, ein Land zu führen, und sie funktioniert nur, wenn die Verantwortung geteilt wird.
Ein Wort an meine Generation
Und weil ich selbst zu jener Generation gehöre, die aufgebaut hat, sei mir ein persönliches Wort erlaubt – an meine Unternehmerkollegen, an die Boomer, an all jene, die ihr Leben lang Verantwortung getragen haben.
Hört nicht auf. Geht nicht nach Mallorca, auch wenn ihr es euch mehr als verdient habt. Eure Erfahrung, euer Wissen, eure Fehler und das, was ihr daraus gelernt habt – all das ist zu wertvoll, um es in den Ruhestand mitzunehmen. Helft unseren Kindern, dieses Wissen und diese Verantwortung aufzusaugen. Gebt weiter, was euch niemand mehr nehmen kann. Es lohnt sich. Nicht für euch – ihr habt euren Teil getan. Sondern für die, die nach uns kommen und das Land übernehmen, das wir ihnen hinterlassen.
Gastfreundschaft mit Haltung
Und weil bei solchen Debatten schnell die Frage nach den anderen, nach den Hinzukommenden aufkommt, sei sie klar beantwortet. Man hört oft, Deutschland sei seit den fünfziger Jahren ein Einwanderungsland. Das stimmt – und greift doch viel zu kurz. In Wahrheit sind wir es seit Jahrtausenden.
Was später „die Deutschen” heißen sollte, begann als ein zusammengewürfelter Haufen. „Germanen” ist kein Name, den sich irgendjemand selbst gab, sondern eine römische Fremdbezeichnung für ein Gewirr von Stämmen, die untereinander weder Sprache noch Loyalität noch ein Wir-Gefühl teilten. Schon Tacitus notierte, der Begriff sei jung und von außen aufgebracht. Und „Barbaren” war ohnehin nur das Wort der Römer und Griechen für jeden, der nicht ihre Sprache sprach – ein Etikett, kein Volk. Aus diesem Gemenge, durchzogen von keltischen, römischen, germanischen Spuren, geformt von Völkerwanderung, später von Hugenotten, von Polen im Ruhrgebiet, von Vertriebenen und Gastarbeitern, ist über die Jahrhunderte das geworden, was wir heute sind. Unsere Basis ist nicht Reinheit. Unsere Basis ist Vermischung.
Wer das weiß, den kann die Statistik in jener Tabelle nicht mehr erschrecken. Es hat dieses Land nie geschwächt, dass Menschen kamen – es hat es gemacht. Gäste sind willkommen, das war richtig zu allen Zeiten und ist es heute.
Aber Gastfreundschaft ist keine Einbahnstraße. Wer kommt, soll Teil dieser Gesellschaft werden: ihre Werte und ihre Regeln respektieren, sich einbringen, dazugehören wollen. Niemand muss dafür die eigene Herkunft ablegen oder seine Überzeugungen abgeben – Integration ist kein Verschwinden, und das war sie nie. Wäre es je darum gegangen, gäbe es uns gar nicht. Sie ist das Versprechen, gemeinsam unter denselben Regeln zu leben. Wer dieses Versprechen einlöst, ist herzlich willkommen. So war es nicht erst seit den fünfziger Jahren – so ist es, seit es Menschen auf diesem Boden gibt.
Schluss
Das ist die eigentliche Stärke einer offenen Gesellschaft: dass sie nicht zählt, wie viele woher kommen, sondern fragt, ob alle bereit sind, gemeinsam Verantwortung zu tragen. Die geschönte Statistik in der Tabelle braucht es dafür nicht. Sie lenkt nur ab von der einzigen Frage, die wirklich zählt – nicht, wer Mitglied welcher Partei ist, sondern wer bereit ist, sich für dieses Land zuständig zu fühlen. Reißen wir uns zusammen. Nicht gegeneinander, sondern füreinander.