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Dossier Deutscher Mittelstand & Technologie · Mai 2026
Deutscher Mittelstand & Technologie

Made in Germany Awards: Warum das Land der Dichter und Denker ein neues Narrativ braucht

Deutschland hat kein Innovationsproblem, sondern ein Sichtbarkeitsproblem. Warum die Made in Germany Awards das ändern wollen — und was der Mittelstand daraus für sich mitnehmen kann.

Torsten Bonikowski Mai 2026 Lesezeit ca. 8 Minuten

Wer heute den öffentlichen Diskurs verfolgt, die Feuilletons liest oder die Leitartikel der großen Tageszeitungen studiert, kommt fast zwangsläufig zu einem deprimierenden Schluss: Das einstige Land der Dichter, Denker und unermüdlichen Tüftler habe seinen historischen Zenit längst überschritten. Die Infrastruktur bröckelt, die Bürokratie wuchert, und innovativ — so der zermürbende Refrain — seien wir auch nicht mehr. Wir ergehen uns mit einer beinahe lustvollen Melancholie in der Erzählung des eigenen Niedergangs.

Erlauben Sie mir einen Einspruch. Dieser Befund ist, um es in der unprätentiösen Klarheit einer jüngeren Generation zu sagen, schlicht Blödsinn. Die Wahrheit, die sich in den gedimmten Werkstätten, den Universitätslaboren und den unaufgeräumten Start-up-Garagen dieses Landes verbirgt, erzählt eine völlig andere Geschichte. Deutschland krankt nicht an einem Mangel an Genialität. Es krankt an etwas weitaus Heilbarerem — und genau darum geht es in diesem Text.

Kein Innovationsproblem, sondern ein Sichtbarkeitsproblem

Die präzisere Diagnose lautet: Wir leiden an einem chronischen Sichtbarkeitsproblem. Wir haben verlernt, unsere eigenen Erfolge in mitreißende Geschichten zu gießen. Wir sind erschreckend schlecht darin, der Welt — und vor allem uns selbst — zu zeigen, zu welchen technologischen Wundern wir nach wie vor imstande sind.

Das ist keine akademische Spitzfindigkeit. Es ist ein handfestes wirtschaftliches Problem. Wer nicht sichtbar ist, zieht keine Talente an, keine Investoren, keine Kunden. Wer seine eigene Leistung nicht erzählen kann, überlässt das Narrativ denen, die am lautesten über den Niedergang klagen. Und das Narrativ formt am Ende die Wirklichkeit — in den Köpfen der Schulabgänger, die sich fragen, wo es sich noch lohnt anzufangen, ebenso wie in den Bilanzen der Unternehmen, die um Fachkräfte ringen.

Es bedurfte offenbar eines unorthodoxen Impulses, um dieses festgefahrene Narrativ aufzubrechen. Er kommt nicht aus den selbstreferenziellen Zirkeln der klassischen Forschungsförderung, sondern aus der agilen Welt der modernen Wissenschaftskommunikation.

Eine ungewöhnliche Allianz

Dr. Jacob Beautemps, Wissenschaftskommunikator, Bestsellerautor und Host des YouTube-Kanals „Breaking Lab”, fasziniert Monat für Monat ein Millionenpublikum für komplexe Zusammenhänge. In über einjähriger Vorbereitung hat er ein Projekt geschmiedet, das weit mehr ist als eine weitere Trophäe für die Vitrine: die Made in Germany Awards, einen Innovationspreis, der dezidiert angetreten ist, genau jene Sprachlosigkeit zu überwinden.

Das eigentlich Bemerkenswerte ist die Allianz dahinter. Hier verbindet sich die digitale Reichweite der Social-Media-Welt mit der institutionellen Kraft des Staates. An Beautemps’ Seite stehen die Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND) und das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR). Bundesministerin Dorothee Bär übernimmt die Schirmherrschaft — mit dem erklärten Ziel, den einst von Briten als Warnhinweis erdachten Begriff „Made in Germany” weltweit wieder zum Gütesiegel für technologische Exzellenz zu machen.

„Es geht darum, aus radikal neuen Ideen und akademischen Forschungsergebnissen handfeste Industrien zu formen, die unseren Wohlstand in Europa langfristig sichern.”

— Rafael Laguna de la Vera · Direktor der SPRIND

Das Signal dahinter ist ermutigend: Der Staat zieht sich nicht in die Rolle des bürokratischen Verwalters zurück, sondern tritt als aktiver Ermöglicher auf. Den Projekten winken nach intensiver Prüfung Finanzierungen, die weit reichen:

Die SPRIND springt als Investor genau dort ein, wo etablierte Geldgeber aus traditioneller Vorsicht zurückschrecken.

TRL 4 — die unscheinbare Hürde, die alles entscheidet

Der eigentliche Geniestreich dieses Preises steckt in einer scheinbar trockenen Vorbedingung: dem zwingend geforderten Technology Readiness Level 4 (TRL 4). Diese unscheinbare Schwelle ist das perfekte Gegenmittel gegen eine urdeutsche Schwäche — die Neigung, in völliger Abgeschiedenheit in Schönheit zu theoretisieren und am Ende an der rauen Realität der Märkte zu scheitern.

TRL 4 fordert unerbittlich:

Diese Hürde sortiert die Träumer von den Machern. Und genau hier liegt die Lektion für den Mittelstand. Denn der Mittelstand ist von Natur aus TRL-4-Denker: Er fragt nicht, ob etwas in der Theorie elegant ist, sondern ob es morgen in der Werkhalle, im Büro, beim Kunden funktioniert. Diese Bodenhaftung ist kein Mangel an Visionen. Sie ist der Grund, warum deutsche Familienunternehmen seit Jahrzehnten Weltmärkte beherrschen, von denen kaum jemand je gehört hat.

Die fünf Wettbewerbskategorien lesen sich entsprechend wie eine Landkarte der drängendsten Fragen unserer Zeit: Energie (Transport, Steuerung, Speicherung), Mobilität (vernetzt, barrierefrei, nachhaltig), Medizin (Diagnostik, Prävention, ein längeres und besseres Leben), Künstliche Intelligenz (greifbare Anwendungen statt nebulöser Theorien) und — vielleicht der wichtigste Pfeiler — Gesellschaft. Denn Innovation darf sich nie in reiner Technikgläubigkeit erschöpfen. Eine Technologie ohne humanitären Kompass ist am Ende blind.

Die Öffentlichkeit als größte Jury Deutschlands

Wenn sich die Finalisten herausschälen, vollzieht sich der nächste Bruch mit der Tradition. Statt hinter verschlossenen Türen bei Häppchen und Sekt den Sieger zu küren, wird die Entscheidung radikal demokratisiert. Die Fachjury aus SPRIND und BMFTR wählt lediglich die Top 3 jeder Kategorie. Danach produziert Jacob Beautemps hochwertige Filme über diese Innovationen für seinen YouTube-Kanal — und dann entscheidet die Öffentlichkeit.

Ein öffentliches Voting, angetreten als „die größte Science- und Innovationsjury Deutschlands”, bestimmt transparent, wer triumphiert. Das ist mehr als ein medialer PR-Schachzug. Es ist ein Akt der Inklusion: Es holt komplexe Technologien aus den elitären Hinterzimmern direkt auf die Bildschirme der Bürger und macht sie zu Teilhabern an der Gestaltung ihrer eigenen Zukunft.

All das kulminiert an einem Datum, das man sich rot im Kalender markieren sollte: dem 23. November 2026. An diesem Tag wird in Berlin in einer großen, von Content Creatorn und klassischen Medien begleiteten Live-Show verkündet, wer gewinnt. Selbst die Trophäe ist ein Stück greifbarer Zukunft: ein minimalistischer Würfel, dessen Sockel aus CO₂-neutralem Zement des Leipziger Start-ups Oliment besteht — ein Bindemittel auf Olivin-Basis, das ohne fossile Brennstoffe auskommt und aktiv CO₂ bindet. Ein passenderes Symbol hätte kein Dramaturg erfinden können.

Was der Mittelstand daraus mitnimmt

Die Made in Germany Awards sind ein Großprojekt mit ministerieller Schirmherrschaft. Die meisten mittelständischen Unternehmen werden hier nie einen Antrag stellen. Und trotzdem steckt in dieser Initiative eine Lektion, die jeder Betrieb sofort übernehmen kann.

Erstens: Erzählen Sie Ihre Geschichte. Das Sichtbarkeitsproblem ist nicht das Problem der Politik — es ist das Problem jedes einzelnen Unternehmens, das hervorragende Arbeit leistet und darüber schweigt. Der Maschinenbauer mit dem patentierten Verfahren, die Steuerkanzlei mit der reibungslosen Digitalisierung, der Handwerksbetrieb, der seine Abläufe neu erfunden hat: Sie alle haben eine Geschichte, die niemand kennt, weil sie sie nie erzählt haben.

Zweitens: Bleiben Sie bei TRL 4. Der Filter zwischen Träumern und Machern ist auch im eigenen Betrieb der richtige Maßstab. Die Frage ist nie, ob eine neue Technologie — ob KI, Automatisierung oder ein neues Verfahren — in einem Whitepaper beeindruckend klingt. Die Frage ist, ob sie morgen in der konkreten Realität des Betriebs funktioniert und einen messbaren Unterschied macht.

Genau an dieser Schnittstelle arbeite ich mit mabsys: nicht an Theorien über die Zukunft der Arbeit, sondern an validierten, lauffähigen Lösungen, die ein Unternehmen morgen einsetzen kann — souverän, DSGVO-konform, mit einem Menschen, der das letzte Wort behält. Das ist kein Widerspruch zur Bodenhaftung des Mittelstands. Es ist ihre konsequente Fortsetzung.

Am Ende bleibt eine Erkenntnis, die über jede einzelne Initiative hinausreicht: Innovation schafft Optimismus. In einer Zeit multipler Krisen und zehrender Skepsis gegenüber dem Morgen brauchen wir Projekte von dieser Strahlkraft dringender denn je. Wir müssen aufhören, lustvoll den eigenen Niedergang zu beschwören, und anfangen, jenen eine Bühne zu geben, die im Verborgenen längst an den Lösungen von morgen arbeiten. Wenn die klügsten Köpfe ihre kühnsten Ideen einreichen, eine interessierte Öffentlichkeit darüber abstimmt und der Staat mutig investiert, dann ist Deutschland nicht am Ende. Es steht vielleicht erst am Anfang einer bemerkenswerten Renaissance.


Grundlage dieses Beitrags: die Made in Germany Awards (SPRIND, BMFTR, „Breaking Lab” / Dr. Jacob Beautemps), Schirmherrschaft Bundesministerin Dorothee Bär. Verleihung am 23. November 2026 in Berlin.

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